Sinan Route 5 Haseki Eminonu

sinan-route-5-haseki-eminonu

Unsere letzte Route auf den Spuren des Baumeisters aller Baumeister ist gleichzeitig eine Reise, die von den Anfängen Sinans in chronologischer Reihenfolge seinen einzelnen Schaffensphasen folgt. So werden Sie die Informationen über Sinans Leben am Schluss erhalten. Auf dieser Route können Sie die Şehzade Moschee besichtigen, von der Sinan selbst sagt, sie sei sein Lehrlingsstück.

Überdies ist auch die von ihm als sein Gesellenstück bezeichnete, mittlerweile zum Wahrzeichen İstanbuls gewordene Süleymaniye Moschee Teil dieser Etappe. Diese Route dürfte die schwierigste unter den Routen auf Sinans Spuren sein. Und das liegt nicht an der Länge oder der besonderen Beschwerlichkeit der einzelnen Strecken, sondern daran, dass die Stationen dieser Route so aufregend schön sind, dass Sie sich nur schwerlich davon losreissen können. Haseki Moschee und Külliye (5A) (erbaut 1538/39): Nachdem Sinan im Jahre 1538 während seiner Zeit in der osmanischen Armee innerhalb kürzester Zeit sehr erfolgreich eine Brücke über den Fluss Pruth in den Karpaten erbaut hatte, wurde man seines Genies gewahr.

Der Sultan ernannte ihn daraufhin zum Hofbaumeister - eine Stellung, die er 50 Jahre lang bekleiden sollte. Die Haseki Moschee und Külliye, welche die erste Station dieser Route darstellt, ist als eines der ersten Werke Sinans als Hofbaumeister und in İstanbul überhaupt von besonderer Bedeutung. Sinan erbaute den Komplex aus Moschee, Medresse, Krankenhaus, Armenküche und Läden in zwei Phasen.

Die Külliye als Ganzes weist Charakteristika seldschukischer und osmanischer Baukunst auf und hat hinsichtlich des Grundrisses einige Gemeinsamkeiten mit anderen frühen Werken Sinans. Das Krankenhaus im Zentrum der Külliye weist hingegen bereits Anzeichen seiner Forscherseele und ständigen Suche nach neuen Lösungen auf. Es verfügt über einen achteckigen Innenhof, der an drei Seiten von Gebäuden eingerahmt wird und in dieser Art in der osmanischen Architektur kein zweites Mal vorkommt.

Sinan hat mit dieser Komposition bereits in dieser frühen Periode erkennen lassen, dass er seinen Ursprung zwar in der traditionellen türkischen Architektur sieht, sich aber nicht scheut, diese mit Neuerungen zu bereichern. Die Moschee, die ursprünglich nur eine Kuppel hatte, wurde später in eine doppelkuppelige Moschee umgebaut.

Unsere nächste Station ist die von Sinan bescheiden als sein Lehrlingsstück bezeichnete Şehzade Moschee und Külliye (5B) (erbaut 1543–1548). Da sich diese in einiger Entfernung zur Haseki Moschee befi ndet, empfehlen wir die öffentlichen Verkehrsmittel. Die Şehzade Moschee, die während der Zeit des Baus der Mihrimah Moschee vollendet wurde, ist für Sinan ein besonders wichtiges Werk.

Das Fundament der Şehzade Moschee legte er zu einer Zeit, als ihm der Titel „Weltarchitekt“ verliehen wurde und er die prächtigsten Bauten hervorbrachte. Die Külliye umfasst neben der Moschee auch eine Medresse, eine Armenküche, ein Krankenhaus und Türben zahlreicher Persönlichkeiten des Osmanischen Reichs. Die Türbe des Namensgebers Şehzade (Prinz) Mehmed befi ndet sich etwas abseits des Moscheehofs, gleich neben der 1561 errichteten Türbe von Rüstem Pascha.

Bei der Türbe des Şehzade (Prinzen) Mehmed probierte Sinan einige Neuerungen aus, von denen er aber keine für spätere Grabmälern übernahm. Um auf den plötzlichen und tragischen Tod des schon mit 22 Jahren gestorbenen Prinzen hinzuweisen, verwendete er bei der Türbe verschiedenfarbige Steine und Backsteine. Die Fayencen der Türbe wurden mit mehrfarbiger Glasurtechnik hergestellt; das Bauwerk wird von einer Segmentkuppel überragt. Die Klinken der Tür zum Grabmal zeigen Drachenmotive.

Ein auf dem Sarg des Şehzade (Prinzen) dargestellter Thron weist darauf hin, dass der Şehzade - hätte er länger gelebt - einmal an die Stelle seines Vaters als Herrscher des Reiches getreten wäre. Ein weiterer Aspekt, der bei einem Vergleich von Sinans Moscheebauten auffällt, ist die ständige Weiterentwicklung des zentralen Gebetsraums. So versuchte er zum Beispiel eine besonders grosse Fläche zu schaffen, indem er die zentrale Hauptkuppel mithilfe von tragenden Säulen trennte und Halbkuppeln anfügte.

Diese Weiterentwicklung ist erstmals bei der Şehzade Moschee zu sehen. Die im Zentrum 37 Meter hohe und im Durchmesser 19 Meter breite Kuppel überspannt das bis dahin monumentalste Bauwerk aus der Hand eines osmanischen Baumeisters. Es erscheint fast so, als sollten die reichhaltigen und prächtigen Verzierungen der Moschee die Trauer Süleyman des Prächtigen wettmachen, die er beim plötzlichen Verlust seines Lieblingssohnes empfunden hatte. Wegen der überwältigenden Kuppel und der Schönheit des Dekors wird es Ihnen möglicherweise schwer fallen, sich von Betrachtung dieses Sakralbaus zu lösen. Aber vergessen Sie nicht, dass unsere nächste Station die schönste aller Moscheen Sinans in İstanbul, die Zier jeder Postkarte und das markanteste Element der Silhouette İstanbuls ist – nämlich die Süleymaniye Moschee.

Süleymaniye Moschee und Külliye (5C) (erbaut 1550/57): Die auf einem der sieben Gründungshügel İstanbuls errichtete Külliye, die den Namen Süleyman des Prächtigen trägt, erstreckt sich über ein Areal von einer Grösse, die dem Ruhm und der Macht des Namensgebers alle Ehre macht. Dass der Komplex trotz der monumentalen Ausmasse eher schlicht gehalten ist, führen einige auf die Haltung Sultan Süleymans zurück. Andere dagegen vertreten die Meinung, Sinan habe absichtlich auf überfl üssige Schnörkel verzichtet, um den architektonischen Charakter des Gebäudes in den Vordergrund zu stellen. Im Innenraum herrscht bis auf den Bereich um die Gebetsnische, wo einige Fayencen zu fi nden sind, absolute Schlichtheit.

Diese wird sonst nur noch durch Buntglasfenster des bedeutendsten Glasmachers seiner Zeit, Sarhoş İbrahim, gebrochen. Diese Moschee ist der monumentalste Bau, den Sinan in İstanbul hervorgebracht hat. Mit ihr sollte die Macht und der Ruhm Sultan Süleymans sichtbar gemacht werden. Sinan nennt die Süleymaniye sein Gesellenstück, in Wirklichkeit liegt hier aber nicht die Arbeit eines Gesellen vor, vielmehr ist in jeder Ecke das Genie eines begnadeten Meisters zu sehen und zu spüren.

Sinan brachte es fertig, etwas derart Grosses und Grossartiges mit einer solchen Eleganz und Grazie zu präsentieren, dass man sich dem Bann dieses Werkes kaum entziehen kann. Weitere interessante Seiten dieser Moschee eröffnen sich erst, wenn man sich näher mit einigen Themen beschäftigt. So stellt sich zum Beispiel die Frage, wie ein solch monumentales Bauwerk in einer Stadt, die über Jahrhunderte immer wieder von verheerenden Erdbeben heimgesucht wurde, diese ohne Schaden überstehen konnte.

Die Antwort liegt im Fundament des Bauwerks, bei dem Meister Sinan Wacholderholz verwendete, das die seismischen Schwingungen absorbiert. Ein weiterer interessanter Bereich der Moschee ist die Russkammer. Der Russ von über 300 Öllampen und Kerzen, die das Innere der Moschee beleuchteten, wurde durch ein ausgeklügeltes Entlüftungssystem so aus der Moschee herausgeführt, dass er keine Rückstände an den Wänden und Verkleidungen hinterliess. Er sammelte sich in einer Kammer, die sich über dem mittleren Tor befi ndet. Der hier anfallende Russ wurde aufgefangen und zur Herstellung von Tinte verwendet, die unter anderem dafür bekannt war, wasserfest und besonders widerstandsfähig zu sein.

Aus diesen Gründen wurden die wichtigsten Dokumente der osmanischen Herrscher mit dieser Tinte geschrieben. Es ist klar, dass zur gezielten Führung eines Luftstroms besonders komplizierte Berechnungen erforderlich waren. Dass man diese Berechnungen Sinans bis heute nicht nachvollziehen kann, ist nur ein weiterer Beleg für sein überragendes Genie. Jedes einzelne dekorative oder architektonische Detail der Moschee zeugt von der Meisterschaft ihres Erbauers. Ein Beispiel ist die Kuppel des Gebäudes, die aussen mit einem Stahlgürtel umzogen ist und in die Sinan 255 Tongefässe einbauen liess, wodurch eine unvergleichliche Akustik sowie eine äusserst gute Wärmedämmung erreicht wurde.

Die Moschee selbst wurde auf der Grundlage einer bestimmten Zahlensymbolik errichtet. Man geht davon aus, dass die 4 Minarette die 4 rechtgeleiteten Kalifen und die Tatsache symbolisieren sollten, dass Süleyman der Prächtige der vierte in İstanbul regierende Sultan war. Eine andere Interpretation geht dahin, dass die Zahl vier auf die vier als wahrhaft angesehenen sunnitischen Rechtschulen des Islams hinweisen soll. Die Zahl 10, die bei der Anzahl der Minarettbalkone wieder zu fi nden ist, verweist einer Theorie zufolge auf die 10 auserwählten Gefährten des Propheten, denen er noch zu ihren Lebzeiten den Einzug ins Paradies offenbarte. Möglicherweise handelt es sich dabei auch um eine Anspielung darauf, dass Süleyman der 10. osmanische Sultan war. Die im Hof der Moschee gelegene Türbe der Hürrem Sultan sowie eine der schönsten Sultanstürben, die Türbe Süleyman des Prächtigen selbst, sind ebenfalls Werke Sinans.

Trotz der besonders grossen Fläche der Külliye wurden die Standorte der sich darin befi ndenden Gebäude den Geländegegebenheiten entsprechend auf meisterhafte Weise ausgesucht. Wenn Sie wollen, können sie alle hier in einer perfekten Harmonie stehenden Gebäude besichtigen oder ihre gesamte Zeit in der verzaubernden Aura der Moschee verbringen. Jedes einzelne Bauwerk der Külliye ist aus ästhetischer Sicht etwas ganz Besonderes. Das Krankenhaus der Külliye wurde in einer Aufteilung gebaut, die derjenigen moderner Universitätskliniken oder medizinischer Hochschulen entspricht.

Es ist in zwei Trakte, den Bildungstrakt und den Patiententrakt, aufgeteilt. Es ist bekannt, dass bei der Behandlung von Geisteskranken hier auch die therapeutische Wirkung von Musik genutzt wurde. Leider blieb nur ein kleiner Teil der medizinischen Medresse bis heute erhalten. Rund um die Moschee sind ausserdem Medressen unterschiedlicher Fachrichtungen und Abstufungen zu fi nden. Die einst für die Studenten vorgesehene Speiseküche, eine Art Mensa also, wird heute als Gaststätte genutzt.

Diese Route wurde nicht zuletzt deswegen ans Ende dieser Reise auf den Spuren Sinans gesetzt, weil sie uns auch zum Grabmal des bedeutenden Meisters selbst führt, deren Schlichtheit sofort ins Auge sticht. Hier können wir dem Baumeister aller Baumeister, der uns mit seinen wunderschönen Bauwerken so reichlich beschenkte, unseren Respekt zollen. Das letzte Bauwerk auf unserer Route, das wir besichtigen wollen, steht in der Nähe des westlichen Endes der Galatabrücke auf einem erhöhten Plateau am Eminönü-Platz, der seit der römischen Zeit stets ein Ort der Betriebsamkeit war.

Dabei handelt es sich um die Rüstem Pascha Moschee (5D) (erbaut 1561/62), die aufgrund ihrer exponierten Lage die Silhouette İstanbuls markant bestimmt. Schon beim Betreten dieser Moschee werden Sie sich plötzlich wie in einer anderen Welt fühlen. Diese Moschee zählt zu den schönsten ihrer Gattung: wegen der ganz besonderen Atmosphäre, nicht zuletzt auch wegen der aufwendigen Iznik- Fayencen, die sich ausgehend vom Gebetsvorraum bis in die gesamte Moschee erstrecken, sowie wegen der unvergleichlichen dekorativen und technischen Elemente. Rüstem Pascha war eigentlich ein für seinen Geiz bekannter Grosswesir des Sultans.

Bei dieser Moschee aber, die er in seinen letzten Lebensjahren erbauen liess, scheute er keine Kosten. Für die Fayencen, die die Moschee so reichhaltig schmücken und die seltene und gleichzeitig die schönsten Beispiele des türkischen Keramikhandwerks darstellen, gab er grosse Summen aus. Das Jahrhundert, in dem die Moschee errichtet wurde, war gleichzeitig ein wichtiges Jahrhundert für die Fayencenkunst, in dem wichtige neue Entwicklungen und Erfi ndungen aufeinander trafen. In der Moschee sind einige dieser Neuerungen in ihrer reinsten Form zu sehen. Die wegen ihrer Menge und ihrer Vielfalt an ein Fayencenmuseum erinnernden Keramiken vermitteln dem Besucher dieses Gotteshauses das Gefühl einer inneren Ruhe.

Der wichtigste Bereich der Moschee, die Mihrab genannte Gebetsnische, ist von zahlreichen Fayencenmeistern der Hofwerkstätten zu einem einmaligen Kunstwerk verwandelt worden. Einige der Fayencenmotive, die in dieser Moschee in der türkischen Kunstgeschichte erstmalig verwendet und in den folgenden Jahrhunderten komplett vergessen wurden, verleihen dem Bau ausserdem eine besondere Bedeutung. Die meisten Bauwerke Sinans sind, was die Verzierungen betrifft, eher als schlicht einzustufen. Dekorative Elemente wurden nur in angemessener Menge eingesetzt.

Wenn bei einigen Bauten dennoch zum Beispiel Fayencen verwendet wurden, die sich zum Teil über das gesamte Bauwerk erstrecken, ist dieser Umstand grundsätzlich auf die Wünsche der Auftraggeber Sinans zurückzuführen. Unsere Reise auf den Spuren Sinans kommt mit dem Besuch dieses Gebäudes an sein Ende. Sie hat Ihnen gezeigt, was für prächtige Resultate das Aufeinandertreffen der Meisterschaft eines Genies mit der schönsten Stadt der Welt hervorgebracht hat.

Wir hoffen, dass Sie durch diese Reise Sinan den Baumeister und seine Stadt İstanbul besser kennenlernen und die besonderen Merkmale seiner Baukunst in jedem der besichtigten Gebäude erfassen konnten. Auf jeden Fall nehmen Sie unvergleichliche Eindrücke dieser historischen Stadt und der beeindruckende Ansichten und Erinnerungen mit nach Hause. Denn das ist İstanbul: die Stadt Sinans.

WAS SIE VOR ANTRITT DER SİNAN REISE BEACHTEN SOLLTEN
- Einige der Werke Sinans in İstanbul sind aufgrund ihrer exponierten Lage leicht zu fi nden. Sie können jedoch unter Umständen Schwierigkeiten haben, die in den engen Gassen besonders stark bebauter Stadtteile gelegenen Bauwerke zu finden. Deshalb kann ein ortskundiger Führer von Vorteil sein.
- Die von uns ausgearbeiteten Routen sind so gestaltet, dass sie jene Werke Sinans umfassen, die sich in einem bestimmten Umkreis befi nden. Diese Gebäude stehen nicht selten unmittelbar neben anderen bedeutenden Bauwerken aus byzantinischer und osmanischer Zeit, die zwar nicht von Sinan dem Baumeister errichtet wurden, die Sie möglicherweise aber dennoch besuchen wollen. In diesem Fall kann es erforderlich sein, die Stationen der Route auf mehrere Tage aufzuteilen.
- Einige von Sinans Bauwerken, darunter insbesondere die Türben, können nur mit besonderer Genehmigung besichtigt werden oder sind nur an bestimmten Wochentagen für Besucher geöffnet. Andere Bauten werden möglicherweise kommerziell genutzt, weshalb Sie für die Besichtigung und das Fotografi eren eventuell um eine Erlaubnis bitten müssen. Gleiches gilt eventuell für Bauten, an denen zurzeit Restaurationsarbeiten durchgeführt werden.
- Die meisten von Sinans Moscheen werden noch heute für den Gottesdienst genutzt. Daher sollten Sie insbesondere dann, wenn Ihr Besuch in die Gebetszeiten fällt, bei der Besichtigung und dem Fotografi eren bestimmte Verhaltensregeln beachten.