Sinan Der Baumeister Und Istanbul

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Sinan der Baumeister ist sicherlich derjenige unter den Baumeistern des Osmanischen Reiches, der die schönsten und prächtigsten Beispiele osmanischer Architektur hervorbrachte und damit den Prunk und die Pracht des Osmanischen Reiches zu seiner Blütezeit am besten repräsentierte.

Aus diesem Grund ist sein Name auch der erste, der einem einfällt, wenn von der osmanischen Baukunst die Rede ist. Der Beiname “der Baumeister” (Mimar), der im Türkischen fester Bestandteil seines Namens wurde, ist alleine allerdings unzureichend, um Sinans Wirken und Existenz zu beschreiben.

Er war ein Genie, das Bauwerke schuf, deren Bau bis zur damaligen Zeit als unmöglich gegolten hatten. Er war ein Künstler, dessen Sinn für Ästhetik an jedem einzelnen seiner Werke, die unvergleichlich harmonisch und graziös wirken, zu sehen ist. Er war ein überaus fl eissiger Zeitgenosse, der sich nicht scheute, das ganze Osmanische Reich von einem bis zum anderen Ende mit seinen Werken zu schmücken. Er war ein Wissenschaftler, der seinen Wissensdurst und seine Forscherseele nie verlor.

Diese Eigenschaften und die von ihm entdeckten und eingeführten Neuerungen machen ihn zu einer Persönlichkeit, die im Osmanischen Reich jenes Bild vom Menschen vertrat, das gleichzeitig im Europa der aufblühenden Renaissance anzutreffen war. Aus diesen Gründen wird Sinan die ausschliessliche Einordnung als Baumeister nicht gerecht, so wird er denn auch Baumeister aller Baumeister genannt. Die Architektur und die Baukunst lagen Sinan im Blut und in der Seele. Sein Vergleich seiner selbst mit einem Zirkel, dem seit jeher unverzichtbaren Werkzeug der Architekten, gibt uns einen aufschlussreichen Einblick in seine Persönlichkeit.

Wie der umlaufende Schenkel eines Zirkels reist er rastlos von Ort zu Ort, untersucht fremde Bauten, um neue Ideen zu entwickeln, und ist dabei so zielstrebig wie der im Zentrum des Kreises eingestochene, feststehende Zirkelschenkel; er gibt solange nicht auf, bis er das Optimale erreicht hat. Dieser Symbolik folgend plante er sein eigenes Grabmal, das im Vergleich zu seinen monumentalen Bauwerken äusserst schlicht gehalten ist, in der Form eines Zirkels. Die in Edirne errichtete Selimiye Moschee bezeichnete Sinan der Baumeister selbst als sein Meisterstück.

Man sollte sich jedoch von der Bescheidenheit dieser Worte eines Genies nicht irreführen lassen und fälschlicherweise seine vorherigen Werke als von geringerer Bedeutung abtun. Auch wenn er es selbst nie zugab, so tragen doch seine Werke allesamt, vom ersten bis zum letzten Bauwerk, die Handschrift eines überragenden Meisters und unvergleichlichen Genies.

Die als Wunderwerke der Antike bezeichneten Bauwerke verblassen im Schatten seiner Werke. Er liess sich durch die Bauten seiner Vorgänger und den weit verbreiteten Glauben, dergleichen noch einmal hervorzubringen sei unmöglich, nicht einschüchtern.

Mit seinen eigenen Werken, die alles Bisherige in den Schatten stellten, bewies er in eindrucksvoller Weise das Gegenteil und löste bei den Betrachtern seiner Werke stets Begeisterung und Bewunderung aus. Schon vor hunderten von Jahren nahm er sich eines nach wie vor aktuellen Problems an und entwickelte Lösungen zur Erdbebensicherheit seiner Werke, die seiner Zeit weit voraus waren.

Bei seinen Bauwerken verwendete er stabile Werkstoffe wie den aus der Region stammenden Tuff und entwarf ein erdbebensicheres Konzept der Fundamente.

Die Akustik der Bauwerke war für ihn ebenfalls von grosser Bedeutung. Auch andere technischen Lösungen belegen seinen genialen Geist: Noch heute kann man einige seiner Lösungen, zum Beispiel die natürliche Belüftung seiner Bauten, technisch nicht nachvollziehen.

Bei den mehr als 300 Bauwerken, die Sinan der Baumeister errichtete, führte er insbesondere bei den Moscheen zahlreiche Neuerungen ein. Sein Erbe konnte sich ausserdem durch seine Schüler, wie Davut Ağa und Sedefkar Mehmet Ağa, die er beide zu Meistern ausbildete, in alle Ecken der Welt verbreiten.

Vom Wahrzeichen İstanbuls, der Blauen Moschee, bis hin zum Taj Mahal in Indien erschufen seine Schüler zahlreiche Bauten, die ihren Platz in der Geschichte der Weltarchitektur eingenommen haben. Bleiben wir aber in İstanbul. Nahezu jede Ecke dieser Stadt liefert Motive, die Postkarten schmücken oder als Inspiration für die bildende Kunst dienen.

Zahlreiche Bauten dieser Stadt, die einem Freilichtmuseum gleicht, verdankt sie Sinan dem Baumeister.

Diese Bauten sind heute untrennbare Bestandteile der İstanbuler Silhouette. Sinan wollte in dieser Stadt seine Spuren hinterlassen, weshalb er seine monumentalen Bauten auf ihren Hügeln errichtete. İstanbul ist die Stadt, in der er seine Einfälle und Ideen umsetzen und seinen Namen mit goldenen Lettern in die Annalen der Architekturgeschichte eintragen durfte.

Auf seinen Reisen – während der Feldzüge der osmanischen Armee, im Auftrag des Sultans oder als Privatmann – sammelte er zahlreiche Erfahrungen und Inspirationen, von denen er einige weiterentwickelte und in İstanbul verwirklichte. Daher ist es keineswegs übertrieben, İstanbul als die Stadt Sinans zu bezeichnen. Allerdings hat er nicht nur mit seinen Bauten zur Entwicklung İstanbuls beigetragen, auch bei der Stadtplanung war er zum Teil massgeblich beteiligt.

Dass er breite Chausseen anlegte und Bauten abriss, die das Gesamtbild störten, zeigen die Weitsicht dieses genialen Baumeisters, der seiner Zeit weit voraus war. Einer der wichtigsten Aspekte bei all seinen Projekten war das perfekte Einfügen des Bauwerks in seine Umgebung. Vor der Errichtung eines Bauwerks legte er zunächst dessen Standort fest, dann plante er es passend zur Topologie des Geländes.

Das Fundament eines jeden Gebäudes wurde den geologischen Gegebenheiten des Baugrunds entsprechend gestaltet. Wenn man heute die Bodeneigenschaften der Grundstücke untersucht, auf denen er seine Bauwerke errichtete, wird einmal mehr klar, was für ein grosses Genie Sinan war. Es ist ohne Weiteres nachvollziehbar, dass eine Reise zu Sinans Werken in İstanbul, auch wenn man nur die wichtigsten besuchen will, an einem einzigen Tag nicht zu bewerkstelligen ist.

Daher sollten Sie sich ein paar Tage Zeit nehmen, um auf unterschiedlichen Routen das historische İstanbul zu erfahren und den Boğaz von Mal zu Mal von einer neuen Seite kennenzulernen. Dabei können Sie sich für irgendeine der Sinan-Routen entscheiden: Sie umfassen gerade so viele Werke Sinans, wie Sie an einem Tag besichtigen können. Wenn Sie es sich zutrauen, können Sie auch mehrere dieser Routen an einem Tag absolvieren.

Aber vergessen Sie bei Ihrer Tagesplanung nicht, dass die meisten Werke Sinans so umfangreich und schön sind, dass man sich manchmal stundenlang nicht davon losreissen möchte.

WAS SIE VOR ANTRITT DER SİNAN REISE BEACHTEN SOLLTEN
- Einige der Werke Sinans in İstanbul sind aufgrund ihrer exponierten Lage leicht zu fi nden. Sie können jedoch unter Umständen Schwierigkeiten haben, die in den engen Gassen besonders stark bebauter Stadtteile gelegenen Bauwerke zu finden. Deshalb kann ein ortskundiger Führer von Vorteil sein.
- Die von uns ausgearbeiteten Routen sind so gestaltet, dass sie jene Werke Sinans umfassen, die sich in einem bestimmten Umkreis befi nden. Diese Gebäude stehen nicht selten unmittelbar neben anderen bedeutenden Bauwerken aus byzantinischer und osmanischer Zeit, die zwar nicht von Sinan dem Baumeister errichtet wurden, die Sie möglicherweise aber dennoch besuchen wollen. In diesem Fall kann es erforderlich sein, die Stationen der Route auf mehrere Tage aufzuteilen.
- Einige von Sinans Bauwerken, darunter insbesondere die Türben, können nur mit besonderer Genehmigung besichtigt werden oder sind nur an bestimmten Wochentagen für Besucher geöffnet. Andere Bauten werden möglicherweise kommerziell genutzt, weshalb Sie für die Besichtigung und das Fotografi eren eventuell um eine Erlaubnis bitten müssen. Gleiches gilt eventuell für Bauten, an denen zurzeit Restaurationsarbeiten durchgeführt werden.
- Die meisten von Sinans Moscheen werden noch heute für den Gottesdienst genutzt. Daher sollten Sie insbesondere dann, wenn Ihr Besuch in die Gebetszeiten fällt, bei der Besichtigung und dem Fotografi eren bestimmte Verhaltensregeln beachten.